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Die Köpenickiade des Mantrailens

Wenn man sich dieser Tage in der Trailerszene so umsieht, kommt man irgend wie nicht umhin anzunehmen, dass die Gesellschaft seit Wilhelm Voigts Überfall auf das Rathaus von Köpenick vor über 100 Jahren nicht viel gelernt hat.
Die Köpenickiade des Mantrailens

Der Hauptmann von Köpenick

Ja, dieser Artikel wird wieder viele aufregen, zur Weißglut bringen und heftige Diskussionen am heimischen Küchentisch oder dem angetrauten Stammtisch entfachen. Recht so, denn war sich Wilhelm Voigt, alias "Der Hauptmann zu Köpenick", 1906 durchaus bewusst, hier eine Rolle zu spielen, welche er in Wirklichkeit nicht innehatte, so hat es dieser Tage den Anschein, die heutigen "Hauptmänner von Köpenick" sehen sich in ihrer Rolle real.

In der heutigen Zeit bieten Hundeschulen und Artverwandte Kurse und Prüfungen an, die vor wenigen Monaten selbst noch kaum  einen Fährtenhund und einen Mantrailer voneinander unterscheiden konnten, und gehen damit auf Lockkurs um "die Unwissenden" in die heiligen Weihen des Trailens einzuführen. Sich gestern noch mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, das Teufelzeug Hubschrauber zu besteigen, schon gar mit dem Leckerli-verwöhnten Vierbeiner, bieten sie heute frech Helikopterschulungen für Rettungshundestaffeln an.

Selbst noch niemals einen Rettungseinsatz aus der Nähe gesehen, vor einigen Monaten noch wissbegierig den Instruktoren jedes Wort im Einsteigerseminar von den Lippen gesogen, überschütten sie heute ihr Volk der Kursteilnehmer mit ihrem Wissen und verweisen dabei stolz auf ihre Einstiegslevel-Prüfung und ihre kynologischen Grundlagen und Erfahrungen in anderen Hundedisziplinen. Sie halten ausgearbeitete, selbst erstellte Prüfungsordnungen wohlfeil, welche sie bestenfalls mit göttlicher Eingebung formuliert haben können, sicherlich aber nicht auf der Grundlage eigener Erfahrung und jahrelanger Praxis.

Das ahnungslose Volk der Hundebesitzer, welche nun ihrem Hund eine artgerechte Beschäftigung zuteil werden lassen will, um unter anderem auch, wie gerne angepriesen, das angekratzte Image der Hundebesitzer aufzuwerten, besucht nun Kurse bei diesen Personen, nicht ahnend, dass es der hundelosen Bevölkerung völlig egal ist, ob nun ein angeblicher Mantrailer oder ein namenloser Streuner den Gehweg vollkackt oder Nachbars Kinder anknurrt. Aufgewertet wird hier keinerlei Image, lediglich das Bankkonto des Anbieters.

Andere instituieren sich selbst zum Prüfer für Rettungshundestaffeln, selbst kaum Erfahrung mit Hunden. Aber eine schicke Rettungsuniform, militärischer Drill der hauseigenen Kaffeekränzchentruppe und übertrieben selbstbewusstes und mitunter cholerisches Auftreten machen vieles wett - doch, wie eingangs schon erwähnt, hat uns dies schon der Hauptmann von Köpenick gelehrt.

Ja, der Hauptmann von Köpenick, alias Wilhelm Voigt, der wusste schon Anfang des letzen Jahrhunderts, dass man mit Uniform und forsch-frechem Auftreten, gepaart mit einem Titel, wahre Wunder erreichen kann, wenn es darum geht, den eigenen finanziellen Status oder sein Ansehen aufzuwerten. Carl Zuckmayer hat die Geschichte populär gemacht, wohl auch mit dem Hintergedanken, dass die Menschheit daraus lerne, daraus wurde aber nichts. Heutzutage braucht es nicht einmal das Charisma eines Heinz Rühmann, um die Massen um die Finger zu wickeln, ebenso wie damals die herrschende Ehrfurcht vor der preußischen Militäruniform eines Hauptmanns ausreichte. Heute genügt es, sich Hundeschule zu schimpfen oder sich bewaffnet, in typischer Rotjacken-Uniform, natürlich verpflichtend auch für den Hund, selbstbewusst und militant vor eine Gruppe Höriger zu stellen und etwas Wind im Internet zu machen, und schon fallen wieder alle darauf herein.

Letztendlich hat die Geschichte aber denselben Ausgang wie für den leidigen Hauptmann damals. Außer Spesen nicht viel gewesen. Über kurz oder lang fliegt der Schwindel auf, Kunden stellen fest, dass nichts dahinter steckt, von Geld und Ruhm und Ehre bleibt nicht viel.
Den wahren Schaden tragen aber nicht jene die Geld und Zeit in jene Angebote steckten, sondern diejenigen, die mit ihren Hunden diese Disziplin professionell bestreiten und die darunter leiden, dass die Disziplin Mantrailing immer mehr an Image verliert, nachdem jene selbstbeförderten  Hauptmänner nur Ausbildungen anbieten können, welche selbst für ein Himmelfahrtskommando nicht ausreichend sind.